Rache ist süß!

Pierre Lemaitre: "Die Farben des Feuers" (Klett-Cotta Verlag) | 20.2.2019

Pierre Lemaitre: "Die Farben des Feuers" (Klett-Cotta Verlag)Nachdem der große Bankier Marcel Péricourt das zeitliche gesegnet hat und seine Tochter Madeleine, als Frau, in einer Zeit, in der Frauen noch nicht einmal einen Scheck unterschreiben durften, sich plötzlich an der Spitze eines Imperiums sieht, geht, einige Zeit später, die väterliche Hinterlassenschaft ebenfalls in die ewigen Jagdgründe ein. Madeleine, die sich blind auf die rechte Hand des verstorbenen Vater verlassen hatte, wurde übel getäuscht und mittels Intrigen und bösartigen Verschwörungen der nächsten Verwandten und "treuen" Angestellten des Hauses Péricourt, entthront und in bittere Armut verbannt.

Sohn Paul, durch einen tragischen Unfall den Freuden des Lebens entrissen, findet durch ein altes Grammophon ein polnisches Kindermädchen und die Liebe zur Oper, zu einem durchaus erfüllten Dasein zurück. Madeleine, nicht hübsch aber auch nicht gerade hässlich, beißt Paul zuliebe die Zähne zusammen, hört auf, sich weiter selbst zu bemitleiden, und sinnt nach Rache.

Klug und gewitzt nimmt sie ihr Schicksal in die Hand und schlägt ihre Widersacher mit deren eigenen Waffen. Kurz vor Beginn des zweiten Weltkriegs, gerät die Welt immer mehr aus
den Fugen. Während Hitler politisch und waffentechnisch aufrüstet, graben sich die politische Parteien in Frankreich gegenseitg das Wasser ab, wird mit arabischem Öl spekuliert und, um Hitler die Stirn bieten zu können, ein spektakuläres Luftfahrtinstitut eröffnet. Bei Sabotage, Gier, Neid und großen Börsenskandalen heißt das Motto "wie gewonnen so zerronnen" und jeder versucht seine Schäfchen noch schnell ins Trockene
zu bringen. Und dazwischen, fein und gemein, Madeleine, die am Ende ein enges Netz gesponnen hat, aus dem keiner mehr rauskommt...

Da ist er wieder! Der große Pierre Lemaitre! Prix Goncourt für "Wir sehen uns dort oben", an dessen Geschichte er hier fast nahtlos anknüpft, die man aber auch lesen kann, ohne das vorherige Buch zu kennen. Da wird man auf fast 500 Seiten aufs beste unterhalten, kann kaum aufhören zu lesen und sieht die deutsch-französische Beziehung nochmal in einem anderem Licht - vielleicht.

Was für ein Buch! Das ist ganz, ganz große Unterhaltungsliteratur - ein Pageturner auf hohem Niveau. Ein Feuerwerk! Was soll ich sonst noch sagen?
Lesen!
Unbedingt, unbedingt lesen!


Methusalems Rache.

Hanya Yanagihara:"Das Volk der Bäume" (Hanser Berlin) | 14.2.2019

Hanya Yanagihara:"Das Volk der Bäume" (Hanser Berlin)Wollen wir ewig leben? Wenn man liest, wohin das führen kann...lieber nicht, würde ich sagen.

Als der junge Arzt Norton Perina, das erste Mal von der mikronesischen Insel U'ivu zurückkehrt, hat er nicht nur die Unsterblichkeit entdeckt, sondern auch seine fatale Liebe zu Kindern.
Während die Insel in Windeseile kolonialisiert, sprich zerstört und ausgerottet wird, die letzten, fossilen Schildkröten,für das ewige Leben , ihre Köpfe, Beine und Bäuche lassen müssen, importiert und adoptiert Perina viele (sehr viele!) Inselkinder. Alle werden gehegt, gepflegt und zu anständigen, klugen Menschen erzogen.
Als es den ersten Streit mit den bereits erwachsenen Kindern gibt, sieht Norton Perina sich plötzlich vor Gericht, des sexuellen Missbrauchs angeklagt.

Und dann tut sich ein Fass ohne Boden auf...
Wo hört Liebe auf und fängt Missbrauch an? Wie halten es fremde Kulturen mit dem sexuellen Umgang mit Heranwachsenden und warum sind gewisse Rituale dort verbreitet und natürlich? Dürfen wir das verurteilen? Dürfen wir das nachahmen?  Verstehen wir, was wir dort sehen, wo wir nicht hingehören?

Wie man sich denken kann, beruht die Figur Perinas auf einer wahren wissenschaftlichen Person: Daniel Carleton Gajdusek , Nobelpreisträger für seine bahnbrechende  Arbeit zu "Kuru", einer Creutzfeldt-Jakob und dem Rinderwahn verwandten Krankheit, die er bei einem kannibalistischen Volk Papua-Neuguineas entdeckte.

Norton Perinas Geschichte geht in Ordnung und ist, nach meinem Lieblingsbuch von Yanagihara "Ein wenig Leben" ein ganz anderer, gut gemachter Abenteuerroman. Vielleicht auch besser so. Eine ähnliche "Willem-"JB"- Malcolm-Jude- Geschichte" wäre wahrscheinlich ohnehin nicht in Frage gekommen. Obwohl ich gerne gewusst hätte,  was aus den beiden Übriggebliebenen geworden ist...

Lesen!
Unbedingt lesen!


(K)eine Macht den Drogen! Alles so schön bunt hier!

T.C. Boyle: "Das Licht" (Hanser Verlag) | 14.2.2019

T.C. Boyle: "Das Licht" (Hanser Verlag)Gemäß Interview waren T.C. Boyles Drogen: Musik und Natur . Ha, ha - wer's glaubt wird selig!

Selig werden, zu Gott aufsteigen, wollen jedenfalls alle, die sich um Harvard Professor Timothy Leary versammeln. Ein Psychologe, der die Psychologie revolutionieren und einem erlesenen Kreis, seine Vision der Bewusstseinserweiterung und losgelöster Lebensform nahebringen will. Fitz, wissenschaftlicher Assistent, hofft auf einen Karriereschub, wenn es ihm gelingt, sich Zutritt zum "Inner Cicle" des Gurus zu verschaffen. Als er zu einer der legendären Drogenpartys eingeladen wird, merkt Fitz schnell, dass das Interesse von Dr. Leary weit über medizinische Erkenntnisse durch Selbstversuche hinausgeht. Schnell rekrutiert der Drogenprofessor eine feste Gruppe, die bereit ist, mit ihm über Grenzen zu gehen. Nachdem Leary der Universität den Rücken gekehrt und sich, mit seinen Auserwählten,  in Mexiko niedergelassen hat, gründet er später die berühmt, berüchtigte Millbrook- Kommune. Am Ende sind alle nur noch high und selbst die Kinder der "Probanten" werden auf kontrollierte Trips geschickt. Heftige sexuelle Ausschweifungen und immer härter werdende Drogencocktails, lassen das Projekt gefährlich scheitern...

Interessant, dass man in den 60ger Jahren völlig andere Musik hörte, wenn man Drogen konsumierte (ausschließlich Jazz), als 10 Jahre später. Und dass Joints verboten waren, LSD jedoch lange nicht unter das Betäubungsmittelgesetz fiel. Lysergsäurediethylamid (Synthese Nummer 25 ), später kurz LSD genannt, wurde bereits 1943 in Basel, von Dr. Hoffmann, durch einen ziemlich kuriosen Zufall entdeckt. Auch da probierte man heimlich, und in Selbstversuchen "Synthese Nummer 25" aus, um sich dem "Licht zu nähern". Ob damals schon jemand geahnt hat, was diese psychedelische Droge für Ungemach mit sich bringen wird?

Muss man das lesen? Nö, kann man aber - unterhaltsam ist es allemal! Und es ist T.C. Boyle, wie wir ihn lieben und haben wollen: Sex, Drugs and "Jazz'n Roll".


Im Angesicht des Todes.

Sebastian Barry: "Tage ohne Ende" (Verlag Steidl) | 12.1.2019
Sebastian Barry: "Tage ohne Ende" (Verlag Steidl)1851. Der Ich-Erzähler Thomas McNulty und sein hübscher  Lebens- und Liebes(!)gefährte John Cole arbeiten als Tanzmädchen in einem Saloon für Bergarbeiter. Frauen gibt es dort nicht und die beiden Männer sind beliebt. Dennoch lassen sie sich " zum miesesten Lohn, aller Zeiten" für die Armee rekrutieren. Furchtlos, einander Schutz, Trost und Kraft spendend, mäandern Thomas und Jon, von Gemetzel zu Gemetzel. Beide haben schon viel durchgemacht. Hungersnöte, Fieberepidemien und, vor der großen Armut in Irland fliehend, eine lange und qualvolle Schiffspassage von Kanada nach Missouri überstehen lassen. Selbst Schiffsladungen voller toter Körper, können den beiden ihre Zuversicht und Hoffnung auf ein besseres Leben nicht nehmen. In den Wirren des amerikanischer Bürgerkriegs, nach einem grauenvollen Rundumschlag gegen ein Indianerdorf, "adoptieren" die beiden Jungs die kleine Winona, um dem Indianermädchen eine bessere Zukunft bieten zu können und verlassen die Front... Als "Gespenster ohne Ort" wandeln die drei von Schlachtfeld zu Schlachtfeld, auf der Suche nach Heimat. Shawnees essen rohe Lungen, Soldaten schneiden Geschlechtsteile aus den den Indianern, damit sie niemals in ewige Jagdgründe eingehen können und Menschen verrecken wie die Fliegen.
Man friert oder schwitzt höllisch mit den Protagonisten und möchte sich am liebsten ständig die Nase zuhalten, weil der Gestank der Verwesung so allgegenwärtig ist. Und dennoch ist dieses Buch die schönste Prosa, die ich seit langer Zeit gelesen habe.
So brutal das ganze Setting auch ist, so zärtlich, liebevoll und zuversichtlich ist der Umgang zwischen Jon, Thomas und Winona. Und so, wie man sich vor heraushängenden Gedärmen und eiternden Wunden ekelt, so laut muss man manchmal lachen, wenn die beiden Männer ihre großartigen Überlebensnummern darbieten und oft mehr Glück, als Verstand haben. Man weiß am Ende nicht, wer eigentlich gegen wen kämpft aber dass die Liebe das wichtigste im Leben und immer richtig ist, egal, wie sie sich darsteltl, das ist hier mal wieder aufs schönste bewiesen.
Ich verneige mich vor dieser traurigen, skurrilen und wunderschönen Erzählung.
Lesen!
Unbedingt lesen!

"Wie eine Socke, gefüllt mit warmer Scheiße" - Ulysses für Anfänger.

A.L. Kennedy: "Süßer Ernst" (Verlag Hanser) | 27.12.2018

A.L. Kennedy: "Süßer Ernst" (Verlag Hanser)So beschreibt Jon, Staatsdiener der britischen Regierung, den Händedruck der verlogenen Abgeordneten. Ekelhaft, falsch und von unguter Beschaffenheit. Frustriert vom Job, geschiedener Ehe, abtrünniger Tochter und der fehlenden Moral im "Unterhaus", fristet der "gute Mann in einer schlechten Welt" sein Dasein. Um wenigstens seinen Mitmenschen etwas Gutes zu tun, kommt Jon auf die absurde Idee, alleinstehenden Frauen in deren Auftrag Liebesbriefe zu schreiben. Schöne und betörende Worte - alles nur von Postfach zu Postfach. Um wenigstens etwas Liebe in die kalte Welt zu bringen. Als Meg, anonyme Alkoholikerin und völlig bankrott, Jons erste Briefe liest, wagt sie, hingerissen, ängstlich und neugierig zugleich, ein Treffen mit dem modernen Cyrano de Bergerac.  Eine fragile Beziehung beginnt und lange hat jeder Angst, sich dem anderen wirklich zu zeigen. Während die Romanze auf ihren Höhepunkt zusteuert, wird die britische Regierung unter die Lupe und auseinander genommen - als hätte Frau Kennedy schon damals den Brexit vorausgeahnt.

Was für ein grandioses Buch und typisch für die Autorin, die uns gerne das Leben um die Ohren haut. Wie immer drastisch, krass und mit bestem, schottischen Humor. Skurril und witzig, traurig und berührend, stellt sie uns die Frage, ob wahre Gefühle in einer Welt voll Lug und Trug noch möglich sind. Und ja, sie sind es!

Das besondere an dem Buch: alles geschieht an nur einem Tag. Von 06:42 bis 18:42 Uhr. Und in diesen Stunden blättert A.L. Kennedy auf 560 Seiten zwei ganze Leben auf und den kompletten Irrsinn der Politik gleich mit dazu!

Wahnsinn! Großartig!
Unbedingt lesen!


Weniger wäre geizig gewesen

Verena Rossbacher: "Ich war Diener im Hause Hobbs" (Verlag Kiepenheuer & Witsch) | 21.11.2018
Verena Rossbacher: "Ich war Diener im Hause Hobbs" (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

Was macht ein junger Mann, der im Herzen eigentlich uralt und stockkonservativ, dem jeder Trend und jede Veränderung ein Graus ist? Der wird, nach Matura und teurer Butlerschule, Diener im Hause Hobbs! Als er nach Zürich, in die angesehene, sehr freundlich und weltoffene Anwaltsfamilie kommt, fühlt Christian sich herrlich strukturiert und genau richtig am Platz. Wie früher, kann er altmodische  Anzüge tragen (niemals Jeans oder etwa kurze Hosen) sich still und leise mit Kunst, Literatur oder sich selbst beschäftigen. Morgens den Toast für die Kinder schmieren, ein bisschen saugen, Reinigung und Schuster, den Gärtner und die Köchin koordinieren, die Hausherrin zum Bummeln begleiten und an den freien Tage mal in die Oper oder ins Theater gehen. Keine Aufregung, kein Stress. Wäre da nicht die Leiche im Salon gewesen, womit das Buch übrigens anfängt (und aufhören tut es auch wieder mit einer!), hätte der arme "Krischi" wahrscheinlich nie erfahren, was ihm  das Leben wirklich zu bieten hat...

Rückblickend erinnert sich der Diener aus dem Hause Hobbs an einen "schlampigen Tag" und eine einfache Geschichte. Durch Zufall kommen die alten Freunde wieder auf den Plan und hinterlassen ihre Spuren. Wann hatte alles angefangen und warum war er nicht schon bei den ersten Anzeichen misstrauisch geworden? Nichts ist, wie es scheint (Agatha Christie lässt grüßen) und alles ist möglich! Die Welt gerät aus den Fugen, so schnell kommt man gar nicht mit und "hastdunichtgesehen" ploppen die moralischen Leichen in den Kellern auf, von Zürich bis nach Feldkirchen. Was für einen Kracher hat Frau Rossbacher da wieder gezündet! Herrlich schräg, spannend, unheimlich, traurig  und zum Brüllen komisch. Dazu noch diese österreichischen Termini von"Butzerl" bis "Zwiederwurzen"... Ich liebe diesen Schmäh! "Der Junge bekommt das Gute zuletzt" trifft auf "Sechs Österreicher unter den ersten Fünf" und wird sogar noch getoppt!

Einfach grandios!
Lesen!
Unbedingt Lesen!


Frauen die pfeifen und Hähnen die krähen, muss man beizeiten die Hälse umdrehn!

Karen Duve: "Fräulein Nettes kurzer Sommer" (Galiani Berlin) | 9.11.2018
Karen Duve: "Fräulein Nettes kurzer Sommer" (Galiani Berlin)

Selbst Rousseau, der für eine "aufgeklärte" Gleichberechtigung stand, hatte was gegen Frauen die aktiv am gesellschaftlichen Leben teilnahmen, ihre Stimmen nicht weiblich hoch "zwitschern" lassen wollten und ungefragt ihre Meinung heraus posaunten. Anna Elisabeth Annette (Nette) von Droste-Hülshoff war ein Enfant terrible ihrer Zeit - eine Vivienne Westwood des 19. Jahrhunderts. Zu früh auf die Welt "gerutscht", spindeldürr und glubschäugig, wird Nette lange unterschätzt. Weil sie nicht der erwünschte Sohn ist (eine Schwester gab es ja schon, warum also noch ein Mädchen?), schafft man die rebellische Göre früh in die Obhut eines Privatlehrers nach Münster. Dem wächst sie schnell über den Kopf, verehrt ihn aber glühend. Angespornt von der harschen Kritik des "Meisters" und endlosen Literaturexerzitien , merkt Nette schnell, dass kritische, sperrige Texte die ihren sind. Sie ist wissbegierig, klug und gerade heraus. Lässt sich keinen Brei ums Maul schmieren, sagt was sie denkt. Gibt bissige Antworten in alle Richtungen und ist nur schwer im Zaum zu halten. Selbst bei den hochverehrten Brüdern Grimm, verballhornt sie deren Namen, macht sich über Wilhem lustig und ist ständig auf Krawall gebürstet. Männerdomänen wie Mineralogie, Politik und Literatur besetzt Nette gegen alle Widerstände und hat überall ein Wörtchen mitzureden. Und auch in amourösen Dingen ist die Droste-Hülshoff aüßerst offensiv unterwegs! Nicht wenige junge Männer fühlen sich angezogen, von dieser "frechen" Person und erfinden delikate, oft geschmacklose Geschichten über angebliche erotischen Zusammenkünfte. Dabei hat Nette nur ein bis zwei wahre Herzensangelegenheiten zu verbuchen. Am Ende kann sie sich selbst nicht treu bleiben und es fehlt an Konsequenz.

Hätte es damals schon eine MeToo-Debatte gegeben, wäre Nette Wegbereiterin für ein aufgeklärtes, selbst bestimmtes Frauenbild geworden. Leider waren die Damen dieser Zeit dem Manne lieber Untertan, als sich von seiner Unterdrückung gemeinsam zu befreien. Die "üblichen Verdächtigen" Heinrich Heine, Hoffmann von Fallersleben, Eichendorff, Goethe und Schiller... wie auch einige unbekannte Literaten und ungute Gesellen treten auf. Man erfährt von Studentenaufruhr, Fremdenhass und politischen Unruhen. Somit wird "Fräulein Nettes kurzer Sommer" ein historisch interessantes Buch, das mehr ist als ein Porträt über die Verfasserin der "Judenbuche" und "Ballade vom Kaben im Moor". Der Annette von Droste-Hülshoff, die an sich selbst und ihren Gefühlen gescheitert ist und doch Wegbereiterin war, in einer Welt des Umbruchs.

Lesen!
Unbedingt Lesen!

 


Operation Bloody Mary!

María Cecilia Barbetta: "Nachtleuchten" (S. Fischer) | 28.10.2018
María Cecilia Barbetta: "Nachtleuchten" (S. Fischer)

Das wäre der Preis gewesen! Der Shortlist! Für mich jedenfalls. Warum? Weil's einfach ein schönes, poetisches, witziges, wahnsinnig gut geschriebenes...Ein Buch, das mal positives in die Gasse haut, trotz politischer Umstürze, Diktatur und Unterdrückung. Dass die Welt am Allerwertesten ist, wissen wir aber dass man in dieser Welt durchaus noch gut zurechtkommen kann, is' irgendwie weniger bekannt. Alle sind dermaßen mit sich und ihrer Life-Work-Balance beschäftigt, mit veganen, nachhaltigen Lebensmodellen ohne Alkohol, Zigaretten und somit auch ohne endlose, politische Diskussionen. Man bleibt zu Hause, rauchfrei, unter sich und seinesgleichen, jault und jammert auf hohem Niveau.

Anders in einem kleinen Viertel, in Buenos Aires. Kurz bevor in Argentinien die Diktatur erneut ihre hässliche Fratze zeigt, präsentiert sich ein kleines Stadtviertel mit all seinen zu- und eingewanderten Bewohnern, in visionärer Höchstform. Ballester, eine Mischung aus Prenzlauer Berg und "gutes Wedding, schlechtes Wedding", ist ein zusammengewürfelter Haufen, die noch Träume haben und alles daran setzen sie zu verwirklichen. Alvaro zum Beispiel, der Poet des Viertels und Mechaniker der legendären Autowerkstatt "Autopia", trotzt Gewalt und Umbruchstimmung mit feinster Lackarbeit und schöner Poesie.  Die Reparaturstätte ist Dreh- und Angelpunkt aller politischen Diskurse. Dort wird die Welt der Politik (und der Frauen wohlgemerkt!) mit den einfachen Termini der Automechanik erklärt. Und weil alle irgendwann mal ein Auto hatten, haben oder brauchen, laufen bei "Autopia" die meisten Fäden (und Bewohner des Viertels) zusammen. Dort lernen wir Teresa kennen, die sich aus Wut und Enttäuschung über die Planung (und Umsetzung)  eines Brüderchens, vom Thron gestoßen fühlt und fortan, als Heilige eine fluoreszierende Madonna von Haus zu Haus trägt. Celio, den schwulen Friseur der "Ewigen Schönheit" der sich endlich traut, dem poetischen"Ambrosia gesalbten" Autoschrauber seine Aufwartung zu machen. Wir treffen auf Lara (Hara) Kiri, die ihr Auto regelmäßig zu Schrott fährt, weil sie so unglücklich in ihrer Ehe verhaftet ist und längst die Orientierung und den Kompass für ihr eigenes Leben verloren hat. "E.T." Nasif Abdala, den kopflosen, traurigen Witwer der am Ende eine Männerpension eröffnet und so seinem Leben wieder einen Sinn gibt. Schwester Maria, die mit ihrer Vespa durch die Armenviertel knattert und deren Herz für die einsamen Seelen (und einen jungen Priester) schlägt... Sie alle haben kleine und große Geheimnisse, die ihr Leben nicht immer leicht machen. Und doch sind sie voller Zuversicht. Das schönste daran ist, dass alle zusammenhalten, sich gegenseitig  helfen, trösten und hin und wieder einem Abtrünnigen die Hand reichen.

Was für ein großartiges Buch! Da geht einem das Herz auf! Ich musste es ein zweites Mal lesen, bevor ich die wundersame Eleganz der Sprache und das, was zwischen den Zeilen steht, richtig genießen konnte. Man muss schon wach und aufmerksam sein(nicht fünf-Seiten-am-Abend tauglich!). Es wird viel gesprungen zwischen den Siebziger- und Fünfziger Jahren. Politik und Schrecken der Militärdiktatur, befinden sich im Subtext, ploppen nur selten und eher am Rande auf. Gut ist, wenn man ein bisschen was weiß, über Perón, Castillo und Konsorten, muss aber nicht sein. Es gibt viel Personal, dass man ins Herz schließt, sobald man sich Ihm gebührend widmet - und dann gar nicht mehr loslassen will. Auch wenn man schon längst mit anderen Büchern beschäftigt ist!

Bereit zum eintauchen? Dann volle Kraft voraus und lesen!
Unbedingt lesen!

 


Philip Roth im Schlafanzug - lost in translation!

Lisa Halliday: "Asymmetrie" (Roman Hanser) | 10.10.2018

Lisa Halliday: "Asymmetrie" (Roman Hanser)Heureka! Das ist mal wieder ein Debut! Erstens gab es gleich den Whiting Award for Fiction 2017, zweitens ist dieses Buch so jung und frisch und klug, wie vermutlich die Autorin selbst und drittens liest es sich, als wäre da ein ganz alter Hase bzw. "eine alte Häsin" am Werk gewesen.

Während die junge Alice (25 Jahre, Lektoratsassistentin) auf den alten Ezra Blazer trifft (70 plus und Autor Philip Roth), sich verliebt und eine aufregende Zeit mit ihm verbringt, wird in Heathrow ein amerikanisch-irakischer Doktorand in "Gewahrsam" genommen und die Einreise verwährt. Was zur selben Zeit geschieht, ist so himmelweit voneinander entfernt und passiert doch in ein und der gleichen Welt. Wie schmal der Grat ist, zwischen Glück und Pech, zeigt uns Halliday am Kammerstück der beiden unterschiedlichen Liebenden, sowie an der Absurdität endloser Verhöre in trostlosen Wartesälen. Politisches Kalkül und die Willkür hierarchischer Strukturen, ziehen sich als roter Faden durch unser Leben und entscheiden über Schicksale.

Während Amar seinen verschwundenen Bruder suchen will und nicht darf, weiß Ezra seine junge Liebe gut auf Abstand zu halten und nur dann in sein Leben zu lassen, wenn es passt. Man merkt, dass Ezra die Zeit auf den Fersen ist und das Alter ihn hier und da in die Knie zwingt. Diese ungleiche Liebesgeschichte, geprägt von Rückenleiden und Hüftproblemen, ist keinewegs delikat, übersexualisiert oder gar geschmacklos. Im Gegenteil! Sie ist zum brüllen komisch und wunderbar zu verfolgen, an Hand großartiger Dialoge. Philip Roth - pardon! Ezra, scheint liebenswert schrullig, witzig und ein Romantiker zu sein. Viele Stellungen funktionieren nicht mehr aber da macht die Not erfinderisch. Und es scheint völlig normal, dass sich ein junges Mädchen zu einem alten Knacker hingezogen fühlt.

Wer Philip Roth bis dahin nicht mochte, wird ihn lieben. Und am Ende kriegt der ganze Literaturbetrieb auch noch schön eins übergebraten. Der alte Fuchs bleibt wie er ist, das Mädchen wird darüber hinwegkommen und weiterhin werden Menschen verdächtigt, Böses im Schilde zu führen, nur weil sie eine andere Hautfarbe haben, schwarze Haare oder dunkle Augen. Das Leben kann so schön sein aber Gott hat einen harten linken Haken!
Achtung: dieses Buch ist kein Philip-Roth-Schlüsselroman! Macht aber jede Menge Spaß!
Lesen!
Unbedingt lesen!


Vielfältige Sünden.

Michael Ondaatje: "Kriegslicht" (Hanser Verlag) | 23.9.2018
Michael Ondaatje: "Kriegslicht" (Hanser Verlag)

1945. Der Krieg ist vorbei und England leckt seine Wunden. Noch sind viele Rechnungen offen, der kalte Krieg geht weiter und lässt Menschen spurlos verschwinden. Nathaniel und Rachel, von ihren Eltern aus "beruflichen Gründen" in der Obhut des "Falters" überlassen, wachsen zwischen illegalen Hundewetten und nächtlichen Schmuggeleien auf. Trotz halbseidener Ambitionen und viel krimineller Energie, beschützen und behüten der "Falter", der "Boxer" und die wilde Olivia die Kinder, wie ihre eigenen. Teure Privatschulen erziehen die Jugendlichen für die Gesellschaft - von den exzentrischen Freunden, alle aus Kreisen der Unterwelt, lernen die Jugendlichen fürs Leben.

Als die Mutter, ohne den Vater zurückkehrt und zwölf Jahre später ermordet wird, fängt Nathaniel an, das Leben der Eltern zu rekapitulieren. Ein Netz aus Spionage und gefährlichen Seilschaften offenbart sich und bringt, in vielen unterschiedlichen Facetten, die Menschen hinter den Menschen zu Tage. Erst da kann verstanden werden, was ihnen als Kindern unbegreiflich war und wofür die Eltern ihre Familie aufs Spiel setzten.

Wow! Was für ein tolles Buch! Immer wieder mit einem besonderen Twist, der alles über den Haufen wirft, was der Leser sich grad so schön zurecht gedacht hat.  Einzelne Beobachtungen, unzählige Fragmente und viele lose Fäden, die alle irgendwann zusammenlaufen, ergeben eine große, spannende und herzzerreißende Spionagegeschichte.

So muss gute Literatur sein. Ein Hochgenuss und macht süchtig!
Lesen!
Unbedingt lesen!