Shida Bazyar: "Die Lücken" (Verlag Kiepenheuer&Witsch") | 20.9.2026

Heimesbach, ein fiktives Dorf im Hundsrück, mit einer unleugbaren NS-Vergangenheit. Die Lücken, die 45 deportierte Juden zurückgelassen haben, von Profiteuren der Nazizeit aufgefüllt, werden durch Lügen und Verleugnung viele Jahre unsichtbar gemacht. Ehemalige Nazis bekleiden wichtige Ämter, ein KZ-Arzt kann ungehindert weiter praktizieren, Mitläufer der Pogrome erfinden sich neu und weisen jede Schuld von sich. Ein Enkel versucht seinem Großvater die Wahrheit abzutrotzen, doch dessen Narrativ stimmt mit der Geschichtsschreibung nicht überein. Zwei, aus dem Iran geflüchtete Familien, finden eine neue Heimat in Heimesbach und sind doch die, die nie so richtig dazu gehören. Egal, wie sehr sie sich anstrengen. Es gibt Anfeindungen und Übergriffe, die schnell an die Nazizeit erinnern und die Angst vor Abschiebung allgegenwärtig machen. Wie wenig man aus der Geschichte gelernt hat, zeigt uns ihre Sicht auf Deutschland. Es kommen viele Stimmen zu Wort und die Zeitspanne, in der erzählt wird, reicht von 1933 bis weit in das Jahr 2000.
Es ist kompliziert und nicht ganz einfach zu lesen aber es lohnt sich, einer Erzählerin zu folgen, die auf der Metaebene eine Geschichte des Grauens erzählt, die sich so und ähnlich in ganz Europa zugetragen hat und noch immer unfassbar und kaum zu verstehen ist. Wie schnell und unwiderruflich ein nationalistisches Regime und seine Kollaborateure die Welt aus den Angeln heben können, sollte uns nach dieser Lektüre einmal mehr bewusst sein und unsere Aufmerksamkeit gegenüber rechtsextremen Tendenzen schärfen.
Zu Recht auf der Shorlist für den Deutschen Buchpreis!
Lesen!
Unbedingt lesen!